Aktuell

„VON DEN WURZELN“

EVA BUCHRAINER


Eva Buchrainer, Racines communes, 2019

März/April 2020

Wer hätte noch beim Ausstellungsaufbau gedacht, dass es so kommt, wie es gekommen ist? Die Corona-Zeit zeigt uns, dass alles geplante nicht nur von uns allein abhängt. Neue Lösungen sind gefragt. So ist auch meine Ausstellung „Von den Wurzeln“, obwohl sie im Künstlerhaus derzeit aufgebaut ist, nur virtuell zu sehen. Vielleicht schafft gerade diese Corona-Ausnahmezeit ein Bewusstsein, dass wir alle auf diesem Planeten verwurzelt sind und eine neue Form des solidarischen Mit-Einanders entstehen kann.

keiner ist fremd
auf diesem planeten
irdische wurzeln sind
allen gemeinsam
wie man es auch dreht
und wendet
warum daran zweifeln?

EB 2019

Zum Thema „Wurzeln“ haben mich drei verschiedene Begebenheiten geführt.

Da war erstens ein 172 Jahre altes Schreiben im Kirchturm des Dorfes, in dem ich meine Kindheit verbracht habe, in dem steht: „In der unruhigen Zeit um 1848 lebten wir, eure Urahnen, hier in Röwersdorf, zwischen den Schlesischen Hügeln, in Freiheit und Ruhe miteinander, weit weg vom Weltgeschehen…“ Gemeint waren Tschechen, Deutsche, Juden und Polen, die hier über Jahrhunderte verwurzelt waren. Verschiedene Ereignisse wie Naturkatastrophen, Auswanderung und Vertreibung haben aber dazu geführt, dass die Bevölkerung später wesentlich dezimiert und das Dorf ein „Geisterdorf“ wurde.

Im Zyklus „Orte“ habe ich diese gewisse Leere und geringe Perspektive thematisiert.

Weiters begegne ich auf meinen Reisen immer wieder verlassenen Orten, die mich nachdenklich stimmen. Orte, die einst ein Zuhause der Ausgewanderten waren, Orte, wo sie ihre Wurzeln hatten, Orte, die sie auch aus den vorher erwähnten Gründen verlassen haben. Was heißt es, entwurzelt zu sein und welche Rolle spielt dabei die Globalisierung, der Zerfall gesellschaftlicher Hierarchien oder der Religionsverlust? Welche Rolle spielen Wurzeln bei der moralischen Verwahrlosung mancherorts und dem weltweiten bewussten oder unbewussten Zerstörungsgeist? Ist es möglich, nach traumatischen Erlebnissen Wurzeln zu behalten, respektive sich neuen, zu hinterfragenden Verwurzelungen zu öffnen?

„Verlassene Orte“ ist eine Auswahl von bearbeiteten Fotografien, die verlassene, von der Natur wiedereroberte, Orte zeigen.

Und schließlich musste „mein“ Baum gefällt werden. Die 150-jährige Rotbuche wurde von ihren Wurzeln getrennt. Nur der Baumtorso steht noch im Park, als Erinnerung und Mahnmal. In der Installation „Baum-Metamorphose“ geht es um die symbolische Entwurzelung und die Chance auf eine neue Existenz. Der mächtige Baum existiert weiter, leicht und schwebend, weit weg von seinem Ursprungsort. In der Installation „Baum Metamorphose“ zeige ich eine Baumscheibe – eine Nachbildung des Baumstamms mit 8,80 m Umfang und einem Mobile mit der Originalrinde und -Zweigen der gefällten Rotbuche. Alles schwebt im Wissen, dass die Wurzeln noch tief in der Heimaterde sind.

In dieser Ausstellung habe ich einen Teil meiner Lebensgeschichte thematisiert, als naheliegendes Beispiel zum Thema Wurzeln. Im Jahr 1968, nach der Besetzung meiner Heimat, Tschechoslowakei, war auch ich von der Migration betroffen. Mir geht es wie „meinem“ Baum. Die Hauptwurzel bleibt noch in der Heimaterde. Nur zum Unterschied zum Baum habe ich auch Beine, die mich zu neuen Verwurzelungen getragen haben. Diese sind temporär und miteinander verwoben, Empfindungen von „nicht mehr“ und „noch nicht“ aber auch von einer inneren, tragenden Verwurzelung. Meine Geschichte ist nur ein Beispiel für die vielen Zusammenhänge und stellt die Frage nach der Bedeutung der Wurzeln in einer Welt, die sich offensichtlich zunehmend auf neuen Pfaden bewegt.

Begleitend zur Ausstellung erscheint der Katalog „Von den Wurzeln“.
Dieser kann direkt bei mir bestellt werden (€ 15,00 plus Porto)
https://www.evabuchrainer.com/

 

Fotos: © Florian Raidt

Die Frage nach dem Grund der moralischen Verwahrlosung manchenorts und dem weltweiten bewussten oder unbewussten Zerstörungsgeist hat Eva Buchrainer auf das Thema „Wurzeln“ geführt. Verwurzelt sein heißt eine Identität zu haben, beheimatet sein, wobei Heimat eher ein inneres Bild als ein geografischer Ort verstanden wird. Ist es möglich, nach traumatischen Erlebnissen Wurzeln zu behalten? Und wo sind die Hürden der Bemühung um neue Verwurzelungen?

Eva Buchrainers Lebensgeschichte dient nur als Beispiel für die Zusammenhänge im Zeitgeschehen und stellt die Frage nach der Bedeutung der Wurzeln für die eigene Identität, für die tolerante Begegnung und Umsicht. Im Zentrum der Ausstellung steht die Installation „Baum-Metamorphose“ als Symbol für Entwurzelung aber auch für eine neue Existenz. Ein 150-jähriger Baum musste gefällt werden doch existiert er nun weiter, leicht und schwebend, weit weg von seinem Ursprungsort. Der Zyklus „Orte“ zeigt imaginäre Kompositionen von Orten mit wenig Perspektive und viel Leere. Orte, die an Bedeutung verlieren, wenn die vertrauten Menschen nicht mehr dort sind. Im Zyklus „Wurzeln“ geht es um Halt suchen und um gemeinsame Wurzeln. Die Ausstellung wird durch Zeitdokumente ergänzt. Es erscheint auch ein Katalog.

 


 

RAUMTRIADE

Petra Buchegger, Silke Maier-Gamauf / Romana Hagyo, Annja Krautgasser

 

Raum A | Raum der Darbietungen

Raum B | Raum der Anpassungen

Raum C | Politische Räume

 

Der Raum als hier und jetzt.
Der Fokus der künstlerischen Auseinandersetzung im Ausstellungsprojekt liegt bei dem Raum. Drei Positionen definieren Raum als Begegnungsort, Ort der Aneignung und als Spielfeld gesellschaftspolitischer Beobachtungen. Raum ist immer auch mit gesellschaftlichen Machtstrukturen und Regeln belegt. Im Projekt Raumtriade soll es deshalb vor allem um die Frage nach Wahrheit, Manipulation und Perspektive gehen. Das heißt, es geht um die Frage der eigenen Positionierung unserer heutigen Gesellschaft und um ihre kulturellen und politischen Rahmenbedingungen. Oft haben die Antworten auf diese Frage mit Selbst- und Fremd-bestimmung zu tun. Und damit verbunden auch, in wie weit wir uns von gesellschaftspolitischen und räumlichen Strukturen beeinflussen lassen.

In den künstlerischen Positionen von Petra Buchegger, Romana Hagyo/Silke Maier-Gamauf und Annja Krautgasser geht es um individuelle Annäherungen an gesellschaftliche Raumdefinitionen. Der gesellschaftliche Raum fungiert als Ort der Auseinandersetzung um Wahrnehmung, Konfrontation und Orientierung. Sowohl der beschrittene, physisch erlebte Weg durch urbanes Gelände bei Romana Hagyo und Silke Maier-Gamauf, der Ort der Subsidiarität in den Arbeiten von Petra Buchegger, oder auch der sozioökologische Raum, in dem versucht wird die gesellschaftliche Relevanz von Innen- und Außenraum zu thematisieren, in den Arbeiten Annja Krautgassers, zeugen von einer Herangehensweise, in der verborgene Sozialräume aufgespürt und aufgezeigt werden sollen.
Jede einzelne der teilnehmenden Künstlerinnen hat dazu ihren individuellen Zugang, daraus ergibt sich eine spannende Mischung aus verschiedenen Formaten, Praxen und Resultaten (Partizipation, Dokumentation und Inszenierung). In allen drei Positionen schwingen gesellschaftspolitische Haltungen mit, die kulturelle Vielfalt, Solidarität und Fairness priorisieren.

 

Fotos: © Florian Raidt

 

Petra Buchegger (*1970-2017, www.petrabuchegger.at)
Die Kunst von Petra Buchegger wurzelt in den Randzonen des Alltäglichen, in Bereichen des Unansehnlichen, des leicht Übersehenen, des Kunstlosen. Das können Objekte aus Salzteig sein, Reste von Schürzenstoffen oder das einfache Tun einer Frau in einem Gewächshaus. (…) Die Haltung der Subsistenzwirtschaft, das Gewinnen des Lebensunterhalts durch sorgfältigen Umgang mit dem Bestehenden, ist für Petra Buchegger wegweisend und prägt auch ihre Kunst. Vielfach sind die Träger dieser Haltung Frauen in einfachen Verhältnissen. Ihnen schenkt daher Petra Buchegger besondere Aufmerksamkeit. (Gustav Schörghofer)

Annja Krautgasser (*1971, www.annjakrautgasser.net)
Annja Krautgassers Arbeit beschäftigt sich mit der “Diversität von Raum”: Raum als Abstraktion; Raum als Produkt kultureller bzw. gesellschaftlicher Entwicklungen. Raum als subjektive, raumsoziologische Erfahrung. Vor allem ihre Kunstprojekte der letzten Jahre bilden den Versuch soziale Räume und deren sozioökonomischen Strukturen darzustellen bzw. offen zu legen – oft mit Einbindung von Laiendarsteller_innen innerhalb partizipatorischer Inszenierungen.

Silke Maier-Gamauf (*1968, www.eop.at/smaier-gamauf/)
Silke Maier-Gamauf arbeitet an künstlerischen Projekten, die das Verhältnis zwischen Raum und Geschlecht* fokussieren, beispielsweise „Test.Test.Liegen“ und „Anpassen und Tarnen“. Die fotografischen Inszenierungen entstehen in Zusammenarbeit mit Romana Hagyo (www.hagyo-maiergamauf.org), Dissertantin am Schwerpunkt Wissenschaft und Kunst (Universität Salzburg und Mozarteum Salzburg). Ein weiterer Schwerpunkt ist das Visualisieren von Wahrnehmungsprozessen, wobei Tonfrequenzen in Form installativer Objekte sichtbar werden. Durch die Verschmelzung visueller und akustischer Stimuli tauchen die BetrachterInnen in einen synästhetischen Erfahrungsraum, in dem nicht nur die Bildwirklichkeit, sondern auch die Erfahrungswelt des Rezipienten erweitert scheint.

Romana Hagyo und Silke Maier-Gamauf arbeiten seit 2014 mit gemeinsamer Autorinnenschaft an künstlerischen Projekten, die das Verhältnis zwischen Raum und Geschlecht* fokussieren, beispielsweise Straßenballade, Dress Properly, Test.Test.Liegen und Sofa-Stoff, https://hagyo-maiergamauf.org/. Die Projekte inkludieren inszenierte Fotografie, Rauminstallationen, Workshops, Stadtrundgänge. In den Jahren 2018/2019 haben sie unter anderem im Architekturforum Oberösterreich, in der Notgalerie Wien, im Künstlerhaus Friese Hamburg und im basement in Wien ausgestellt. Sie wurden 2019 mit dem Gabriele Heidegger Preis der Stadt Linz ausgezeichnet.

Romana Hagyo hat Malerei an der Hochschule für Angewandte Kunst und Medienkultur und Kunsttheorien an der Kunstuniversität Linz studiert. Ihre Forschungsarbeit „Über das Wohnen im Bilde sein“ wurde 2019 mit einem Award of Excellence des BMBWF ausgezeichnet. Sie ist Lektorin an der Kunstuniversität Linz. Sie hat das Mahnmal „Wie erinnern“ mitgestaltet, das 2019 in St. Georgen/Gusen (OÖ) fertig gestellt wurde.

 



Videostill

From Noise to Silence

ZUR ZEIT Zürich,  Zürcher Hochschule der Künste, Klasse Billy Davis
GIULIA HESS, MARTIN JUNG MARTINA HELENA KAUFMANN SEBASTIAN LENDENMANN, JULIA NUSSER ANAIS ORR, CHAHIDA REZGUENI TOBIAS RÜETSCHI, JONATHAN STEIGER SASKIA SUTTER, JULIAN ZEHNDER


Videostill

Die Hochschule der Künste in Zürich präsentiert „From Noise to Silence”, eine Klang- und Performanceausstellung im Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis. Diese findet im Rahmen der vom Künstlerhaus initiierten „Zur Zeit“ Ausstellungsserie, in der einmal im Jahr eine Carte Blanche an künstlerische Hochschulen und Akademien verliehen wird. In der Ausstellung sind Studierende des Bachelor Programms Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste zu sehen. Sie zeigen die Extremen zwischen dem scheinbar ätherischen, immateriellen Begriff des Audios mit der Greifbarkeit von materiellem Objekt und Raum, den sie erforschen, untersuchen und artikulieren. Durch Assemblagen, Audio, Video und performative Arbeiten schaffen die Künstler ein multisensorisches Aggregat, in dem sowohl das „Ohr“ als auch das „Auge“ zu „hören“ sind. Die Ausstellung wird von Billy Davis, Dozent für Sound am Departement Fine Arts an der ZHdK kuratiert.

Fotos: © Florian Raidt